Was Du ererbt von deinen Vätern hast,
erwirb es, um es zu besitzen.
Was man nicht nützt, ist eine schwere Last;
nur was der Augenblick erschafft, das kann er nützen.
J. W. v. Goethe, Faust

 

 

Von der Manufakturarbeit zur Kulturarbeit

Ein historischer Rückblick von Julius Busch, Hitdorf 2014

Die ehemalige Zündholzfabrik Johann Salm & Co im Ortskern des Leverkusener Stadtteils Hitdorf beherbergt heute die Kindertagesstätte Die Rheinpiraten, das machtboxtheater und die Villa Zündfunke.

Der Gebäudekomplex stellt eine geschlossene Hofanlage dar, die aus einem Wohnhaus mit Torweg zur Hauptstraße des Straßendorfs Hitdorf, einem großen Innenhof, einem Nebengebäude mit Küche und ehemals Waschküche und aus den drei unterschiedlich großen Fabrikteilen (kleineres, vorderes Fabrikgebäude, großes, hinteres Fabrikgebäude, große, seitlich gelegene Sheddachhalle) besteht. Diesem Gebäudeensemble gesellen sich im hinteren Grundstücksbereich ein großer und ein kleiner Garten zu. Die Gebäude- und Freiflächen sind 1311 m2 groß. Die den Innenhof umstehenden Gebäude (Wohnhaus, vorderes Fabrikgebäude, Nebengebäude) sind vermutlich um 1870 erbaut worden, wobei zu prüfen ist, ob das besagte vordere Fabrikgebäude bereits um 1830 errichtet wurde.

Hitdorf entwickelte sich in den Jahren zwischen 1750 und 1850 vom Fischer- und Schifferdorf zu einem Gewerbeort, dessen Produkte Tabak, Bier und Zündhölzer eine große Verbreitung fanden. Die Gründung der gewerblichen Manufakturen ergänzte die Handelsschifffahrt über den Hitdorfer Hafen, die Landwirtschaft und das Handwerk des Rheinstädtchens. Hitdorf erlebte seine wirtschaftliche Blüte im 18. und im frühen 19. Jahrhundert, welche ihren Höhepunkt in der Verleihung der Stadtrechte durch den preußischen König am 26. Oktober 1856 erreichte.

Im Jahre 1832 wurden die ersten Zündhölzer erfunden. Die Zeit drängte nach einem handlichen Zündmittel zur Feuererzeugung – das Feuerschlagen mit Stahl und Stein galt als mühsam. Die ersten mit Phosphor hergestellten Zündmittel tauchten gleichzeitig in verschiedenen Ländern Europas auf, so dass nicht sicher festzustellen ist, wer als deren Erfinder zu gelten hat.

Der Engländer John Walker (1781 – 1859) entdeckte zufälligerweise, dass sich eine Mischung aus Schwefelantimon und Kaliumchlorat durch Reibung an einer rauen Oberfläche entzündet. Er entwickelte die Streichhölzer, die sich durch kräftiges Hindurchziehen zwischen Sandpapier entzündeten, und ab 1827 brachte er Zinndosen, die hundert Stück enthielten, in den Handel.

Im Jahr 1832 wurden diese Schwefelhölzer von Jakob Friedrich Kammerer (1796 – 1857) aus Ludwigsburg zu den ersten Phosphorzündhölzern weiterentwickelt. Sie vereinten den Phosphor mit Kaliumchlorat, und nun ließ sich der Zündkopf des Hölzchens durch Reiben auf jeder rauen Oberfläche entzünden.

Somit wird in Deutschland Jakob Friedrich Kammerer als der Genius des Zündholzes angesehen, der während einer politischen Haft auf der Feste Hohenasperg – Kammerers politische Haltung war republikanisch und antimonarchistisch – Zündhölzer aus dem leicht entzündlichen, in seiner gefährlichen Giftwirkung noch nicht erkannten weißen Phosphor erfunden haben soll.

Am 1. Mai. 1841, gründet der Nagelschmied Bernhard Salm (1811 – 1872) einen Betrieb zur Herstellung von Zündhölzern in Hitdorf am Rhein. Er begründete damit das älteste Zündholzunternehmen Deutschlands. Der gebürtige Hitdorfer Bernhard Salm kehrte 1839 von Bonn-Beuel ins „Land seiner Väter“ zurück. Im alten Rheindorfer Kirchenbuch machen wir im Jahre 1765 die Bekanntschaft mit Bernhard Salms Vater, Adam Salm (geboren 1765 in Hitdorf – 1824), Sohn der Eheleute Johann Salm (1734 – 1773) und Maria, geb. Hoffmanns (1733 – 1773).

 

Die Voraussetzungen der Herstellung von Zündhölzern waren gut in Hitdorf: Im Hafen des Rheinörtchen landeten Flöße, die das Pappelholz aus dem Mainfränkischen brachten, das in Rheinnähe gelegene Holzsägewerk des Kaufmanns Sigmund Pabstmann lieferte die gewünschten Längen an Baumstämmen, und an Arbeitskräften mangelte es nicht, weil viele Kleinlandwirte und Tagelöhner aus dem Hafenbetrieb ihre Einnahmen aufbessern mussten.

Die Zeiten waren nicht mehr rosig: Das Schulbuch der Gemeinde Hitdorf weist für die Zeit von 1830 bis 1880 den Beruf des Tagelöhners als die am meisten ausgeübte Tätigkeit aus. Das Aufkommen der Dampfschiffe, die ihre Güter ausschließlich in den großen Häfen Kölns und Düsseldorfs löschten, sowie die neuen Eisenbahnlinien, die Hitdorf links liegen ließen, bewirkten, dass Hitdorf zunehmend ins wirtschaftliche Abseits geriet. Die Köln-Mindener Eisenbahn war das erste große Eisenbahnprojekt der Region und sollte die Verbindung zwischen dem Rhein und dem aufstrebenden Industriegebiet nördlich der Ruhr und der Weser herstellen – auch um die niederländischen Zölle auf dem Rhein zu umgehen. So verloren nahezu 200 Arbeiter in kurzer Zeit ihre Arbeit im Hitdorfer Hafen. Die Dorfbevölkerung drohte zu verarmen.

Wie acht andere Hitdorfer Bürger zu der Zeit wandte sich Bernhard Salm dem neuen, aussichtsverheißenden Gewerbe des Zündholzmachens zu. Die Anfertigung der Zündhölzchen vollzog sich damals ausschließlich durch Handarbeit und im Rahmen der damals sich verbreitenden Hausindustrie. Der Neubeginn dieses Gewerbes war durch den Fortfall der einengenden Zunftgesetze begünstigt. Der Zunftzwang und damit die wirtschaftliche Macht der Zünfte wurden nach der französischen Revolution in den von Napoleon dominierten Gebieten stark eingeschränkt und oft ganz aufgehoben.

Der junge rheinische Nagelschmied machte sich diesen Umstand zunutze. Er führte die Zündhölzchenherstellung zu einer Ausdehnung, die über den handwerklichen Rahmen hinausging. So schildert der derzeitige Bürgermeister Rosellen mit Datum vom 9. Juni 1841: „Seit dem Monat März dieses Jahres scheint das Anfertigen von chemischen Streichhölzern zu Hitdorf heimisch zu sein, und einen fabrikmäßigen Umfang gewinnen zu wollen.“

Diese Fabriken waren eigentlich bloße Werkstätten; die Zündhölzer wurden in ganz kleinen Räumlichkeiten hergestellt. Die Fertigung nahm oft ihren Anfang in der Wohnung des Unternehmers – unter Bedingungen, die von den Aufsichtsbehörden nicht akzeptiert wurden. Es gab keine mechanischen Einrichtungen, die eingesetzt werden konnten. Die Ausstattung bestand aus einigen Werkzeugen und primitiven Geräten. Die Zündholzmasse selbst konnte auf jedem Küchenherd in flüssigen Zustand gebracht werden.

Gefährlich war es! Phosphor ist leicht entzündlich – oft kam es zu Feuersbrünsten und ganze Nachbarschaften brannten nieder. Und Phosphor ist eine hochgiftige Substanz. Beim Kochen der Zündmasse wie auch beim Trockenen der getunkten Hölzer entstanden giftige Phosphordämpfe, die sich in alle Räume verbreiteten. Dieser Zustand war in allen Zündholzfabriken dieser Zeit zu finden. Von der giftigen Wirkung des Phosphors und seiner Dämpfe wollte man nichts wissen.

Den Holzdraht für die Zündhölzer besorgten sich die Fabrikanten vom Holzhändler Pabstmann, der ihn von seinen Holzdrahthoblern im Tagelohn mit dem Handhobel herstellen ließ. Es kam der sogenannte Röhrchenhobel zum Einsatz, dessen Hobeleisen mit bis zu fünf Löchern versehen war, mit denen man aus einem Holzbrett jeweils so viele Stäbchen heraushobeln konnte, wie das Eisen Löcher hatte. Binnen 10 Minuten konnten so 500 etwa 100 cm lange Stäbchen gehobelt werden. Diese wurden gebündelt und in zündholzlange Stücke geschnitten, was etwa 7.000 Hölzchen ergab. Ein geübter Arbeiter lieferte auf diese Weise täglich 450.000 Hölzchen.

In der Fabrik selbst wurden dann die Holzstäbchen einzeln in die Zündmasse, zwecks Kopfherstellung, eingetaucht und zum Trocknen mit dem freien Ende in flache Sandwannen gesteckt. Später nahm man ein Bündel Hölzchen und umwickelte es an einem Ende mit Bindfaden; dadurch spreizten sich die Hölzer am anderen Ende etwas auseinander, so dass sie beim Eintauchen in die Zündmasse nicht verklebten.

Man bemühte sich, Vorrichungen zum gleichzeitigen Eintauchen von Hunderten der Hölzer zu entwickeln: Mit einem Tunkrahmen konnten 8000 Hölzer gleichzeitig getaucht werden. Bei diesem bildeten zahlreiche genutete Leisten, zwischen die die Hölzer eingelegt und festgeklemmt wurden, einen durch Schrauben zusammengehaltenen quadratischen Block.

Meistens legten minderjährige Arbeiter im Alter von 14 und 15 Jahren und oft auch Kinder im Alter zwischen 9 bis 14 Jahren die rohen Holzstäbchen in die für diesen Vorgang benutzten Rahmen. Auch beim Verpacken der Zündholzschachteln war Kinderarbeit die Regel.

Arbeitsgänge wie das Anfertigen von Schachteln wurden in Heimarbeit vergeben, wobei sich jeweils ganze Familien an diesen Arbeiten beteiligen mussten. Durch diese Herstellungsunterteilung nahmen die Unternehmen einen guten Aufschwung. In der Mitte des 19. Jahrhunderts haben etliche Zündholzfabrikanten einen bemerkenswerten Wohlstand erreicht. Vielen bedürftigen Hitdorfer Familien brachte die Zündholzherstellung lediglich ein karges Zubrot und ein klägliches Auskommen.

Die im Dunkeln sieht man nicht! Bald wird über erste Fälle der Phosphornekrose berichtet. Eine schlimme Erkrankung, die bei zahlreichen Beschäftigten verheerende Unterkieferschäden hinterließ und oft zum Verlust der Kinnlade und schließlich zum Tod führte. Die Berichte und Bilder über die furchtbare Berufskrankheit der Zündholzarbeiter gehören zu den erschütterndsten Krankheitsschilderungen 19. Jahrhunderts.

In den Zündholzfabriken war die Luft so arg mit Phosphor durchsetzt, dass deren Wände und Einrichtungsgegenstände nachts bläulich leuchteten und die Arbeiter oft solche Mengen an Phosphordämpfen einatmeten, dass im Dunkeln auch ihr Atem leuchtend wurde. Die Todesrate war hoch; im Allgemeinen stellte sich die Krankheit nach fünf Jahren des Hantierens mit Phosphor ein.

Problematischer noch als in den Fabriken war die Herstellung der Zündhölzer in Heimarbeit. Da sie wenige Geräte erforderte, konnte sie auch unter primitiven Bedingungen erfolgen. Nicht selten fand man in ärmeren Vierteln eine Zündwarenfabrik in einer gewöhnlichen Stube untergebracht. Eine Hobelbank lieferte die Holzdrähte, auf einem Kochofen wurde die Zündmasse gekocht und das Tunken vorgenommen; das Austrocknen der fertigen Zündhölzer geschah durch Aufhängen der Rahmen in der Nähe des Ofens. So waren oft Kinder sehr früh arbeitsunfähig und im Gesicht durch massive Kiefernekrosen entstellt. Dadurch verarmt und stigmatisiert, landeten sie häufig auf der Straße und in den Armenhäusern der Städte

Schon in den 1840er Jahren erschienen erschütternde Fallberichte zur Phosphornekrose. Doch das Verbot des weißen Phosphors ließ in vielen Ländern noch lange auf sich warten. 1879 erließ die Schweiz eine Verbotsverordnung, gefolgt in den 1880er und 1890er Jahren von den skandinavischen Ländern und England. Im Deutschen Reich dauerte es bis 1907, in Österreich bis 1912.

Zur Verlagerung der Zündholzherstellung aus Privathäusern in gewerbliche Betriebsräume trug ein Erlass des Innenministers vom 12. Dezember 1842 bei. Er forderte aus Sicherheitsgründen die Anlage von Zündholz-Trockenöfen, die nach strengen Bedingungen gebaut werden musste. Jedoch gelang es bis zur Jahrhundertwende nicht, die Herstellung der Zündholzschachteln als Heimarbeit zu unterbinden.

Schon bald finden Zündhölzer Eingang in die Literatur. Hungernd und frierend sitzt das Mädchen in Hans Christian Andersens (1805 – 1875) Märchen „Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern“ aus dem Jahr 1845 am Silvesterabend auf der Straße. Niemand kauft sie ihm ab. Schließlich zündet es die Hölzchen an, eins ums andere, zaubert mit ihrem vergänglichen Schein wärmende Bilder: einen Weihnachtsbaum, die geliebte Großmutter. Am Neujahrsmorgen ist das Mädchen erfroren, ein Lächeln auf dem Gesicht, einen Bund abgebrannter Schwefelhölzchen in der Hand.

Bernhard Salm scheint ein findiger und zielstrebiger Kaufmann gewesen zu sein. 1848 deklariert sich der frühere Nagelschmied als Wirt, 1850 als Früchteleser, 1851 als Fabrikant, 1856 als Müller und 1858 wieder als Feuerzeug-Fabrikant. Zu besseren Ausnutzung der Dampfmaschinenkraft gliederte der wendige Salm 1851 dem Betrieb eine Fruchtmühle an, die aber von seinem Nachfolger, da sie allzu wenig Verwandtschaft zum chemischen Betrieb hatte, wieder aufgegeben wurde.

Das war nicht unüblich zu dieser Zeit. Oft gehörte zur Angebotspalette ein- und derselben Fabrik: Zündhölzer aller Art, geschwefelt und paraffiniert, Kunstfeuerwerk aller Art, Feueranzünder, Kerzen aller Art, Schuhcrême, Lederfett und Lederöl, Wagenfett und Huffett, Bodenöle, Stahlspäne, Maschinenöle und Fette, Metall-Putzpräparate, sogar Speiseessig und Essigessenz. In einem Betrieb wird eine mechanische Hausschuhfabrik etabliert. Es war Gründerzeit!

Wegen Mangels an verfügbaren und erprobten technischen Hilfsmitteln war Bernhard Salm bestrebt, die Einzelverrichtungen der Handarbeit zu verbessern und die Mechanisierung zu fördern. 1851 wurde in seiner Fabrik im Haus Nr. 47 eine Dampfmaschine aufgestellt zum Antrieb einer Holzdraht-Hobelmaschine, die als erste eigentliche Zündholzmaschine erworben wurde.

In einem Brief schreibt er am 28. November 1850:
„Nachdem die hochlöbliche Königliche Regierung zu Düsseldorf durch Verordnung vom 18. Mai 1850 I. III. 3634 mir die polizeiliche Erlaubnis erteilt hat, in dem sub. Lit. B hinter dem Haupthause gelegenen (Nr. 47) Fabrikgebäude eine Dampfmaschine von 2 Pferdekraft zum Betriebe einer Zündhölzer-Hobel-Maschine zu errichten, habe ich ferner die Absicht, die Anlage einer Mahlmühle zu bewirken und diese durch die conzessionierte Dampfmaschine min Gang zu setzen, zu welchem Ende ich die Beschreibung des Werkes hier folgen lasse.
Das oben erwähnte Maschinen- und Fabrikgebäude ist massiv von Ziegeln errichtet, wird um eine Etage in Ziegel-Fachwerk erhöht, und sollen in dem oberhalb der Dampfmaschine entstehenden Räume 2 kleine Frucht-Mahlgänge angebracht werden.
Die Dampfmaschine treibt durch einen in die obere Etage führenden Riemen eine horizontal liegende Welle an und von dieser wird die Bewegung durch Zahnräder in der geeigneten Weise auf die Mühlspindel fortgepflanzt, und so das Werk in Bewegung gesetzt.
Hitdorf, den 28. November 1850
gez. Bernhard Salm“

Plan, Stadtarchiv Leverkusen, Haus, Hof, Hofgebäude, Schornstein, Fabrikationsgebäude

Eine am 21. Mai 1853 angefertigte Aufstellung über die fünf konzessionierten Zündholzbetriebe Hitdorfs beschreibt die Leistungen der ansässigen Unternehmen wie folgt:

„1. Bernhard Salm, conzessioniert nach landrätlicher Verfügung am 6. November 1846, beschäftigt 10 Mann und stellt im Jahre 300.000 Döschen à 100 Stück her.
2. J. M. Fitzen gründete sich ohne Conzession im Januar 1843, beschäftigte 21 Arbeiter, die jährlich 1.500.000 Döschen herstellten.
3. Johann Stüpp, conzessioniert am 24. November 1846, beschäftigte 5 Arbeiter und produzierte 200.000 Döschen á 100 Stück.
4. Peter Winkelius, Gründung ohne Conzession im Januar 1841, stellte mit 5 Arbeitern auch 200 000 Döschen her.
5. Friedrich Schlösser. Seine Geschäftsgründung soll auch im Januar 1841 erfolgt sein. Beschäftigt waren 2 Arbeiter, die 100.000 Döschen à 100 Stück anfertigten.“

Von den fünf Unternehmen, die sich nach 1840 etablierten, haben sich zwei Firmen über 100 Jahre behaupten können: Johann Michael Fitzen und Johann Salm & Co.

Wir werfen einen Blick in die erste Salm’sche Fabrik. Sie lag in Haus Nr. 47 – nach der alten Zählweise, an der späteren Mühlenstraße Nr. 8, heute Hitdorfer Straße Nr. 169. Neben dem gewerblichen Betrieb der Zündhölzerherstellung unterhielt der Besitzer im Wohnhaus eine Wirtschaft, Gastwirtschaft zur Post, benannt nach der bis 1910 im Nachbarhaus untergebrachten kaiserlichen Postagentur.

Wenn es Bernhard Salm auch gelang, durch Einführung der Hobelmaschine die Zündholzfertigung zu mechanisieren und damit zu beschleunigen, so blieb er noch über längere Zeit auf die Unterstützung von Heimarbeitern angewiesen. Die Anfertigung der Zündholzschachteln musste weiterhin in Heimarbeit vergeben werden. Die deutschen Hersteller vollzogen die Umstellung von Hand- auf Maschinenarbeit sehr langsam, da sie sich seit dem Ende der 1860er Jahre in einer latenten Überproduktionskrise befanden. Zwar war die Zahl der Betriebe rückläufig, insgesamt jedoch erhöhten sich durch deren höheren Mechanisierungsgrad die Produktionskapazitäten.

Im Jahre 1872 starb Bernhard Salm, und sein erst 17 Jahre alter Sohn, Johann Salm (1856 – 1907), sah sich in die Lage versetzt, das Erbe seines Vaters nicht nur zu erhalten, sondern dieses weiter auszubauen. Es waren jetzt die Jahre des industriellen Umbruchs, des nationales Aufstieg des Deutschen Reiches und der Beginn des technischen Zeitalters. Während der Vater wie alle Betriebsleiter der damaligen Zeit nur sehr geringe technische Mittel zur Verfügung hatte, machte es sich der Sohn zur Aufgabe, Schritt für Schritt, die Technisierung fortzuführen zu führen. So konstruierte der 20jährige Johann Salm im Jahr 1876 ein Rühr- und Quirlwerk, „für die Zündmasse zu kochen“. Zehn Jahre später, 1886, wurde die erste Hölzer-Einlege-Maschine in Betrieb gesetzt, die im Tunkverfahren die Zündkuppe auf die Hölzer brachte.

Diese technischen Verbesserungen, die große Leistungssteigerungen mit sich brachten, erforderten eine Ausweitung der Produktionsräume im Fabrikgebäude des Salm’schen Stammhauses an der heutigen Hitdorfer Straße. Johann Salm plante die Erweiterung seiner Zündholzfabrik: Vier große Hallen zu je 70 m2 mit einem 250 m2 großen und sehr hohen Dachboden und eine weiter Halle mit 160 m2, ein Maschinenraum mit Dampfkessel und eigenem Brunnen, und zwei Hausgärten – ein großer zur standesgemäßen Repräsentation und ein kleiner, der, weil abseitig gelegen, die Aborte der Arbeiter aufnehmen sollte.

Wie wir der „Concessionszeichnung zur Erweiterung einer Zündholzfabrik für Herrn Johann Salm in Hitdorf“ – geprüft in Elberfeld am 23. März 1896 vom königlichen Kreisbauinspektor Thielen und genehmigt in Hitdorf am 9. Juni 1899 vom Bürgermeister Theißen – entnehmen, standen nun der Zündhölzerherstellung großzügige Räumlichkeiten zur Verfügung. Die Beschriftungen im Grundriss verraten uns in groben Schritten den Ablauf der Produktion:

„Halle D“: „Einlegen der rohen Hölzer“ Hier beginnt der erste Arbeitsgang: Die rohen Hölzchen werden in die Tunkrahmen eingelegt.

„Halle A“: „Tunk- und Schwefelraum“. Der zweite Arbeitsgang. Hier war ein großer „Heerd“ mit vier Feuerstellen aufgestellt. Dazu ein „Massakoch-Apparat“: „Die Massaschüsseln werden hier verdeckt aufgestellt.“ Hier werden die in Rahmen eingesteckten Hölzchen in die flüssige, heiße Zündmasse getunkt. Diese Halle hatte etliche Rauchabzüge und Kamine.

Halle B: „Trockenraum der getunkten Hölzer“ Die hergestellten noch nassen Zündhölzer wurden auf Ständer zum Trocknen ausgelegt.

Halle C: „Abfüllen der Hölzer und ihre erste Verpackung“

Große Sheddachhalle: Verpackung, Kistenfabrikation.

Das Kesselhaus auf dem Hof, Schornstein, Dampfmaschine, Transmissionsriemen ????

Die neuen Salm’schen Fabrikationsgebäude wurden in massiver Ziegelbauweise hinter dem vorhandenen Fabrikgebäude mitten im Dorfkern Hitdorfs errichtet. Die Decke, welche die vier geräumigen Hallen überspannte, wurde aus Eisenträgern mit dazwischenliegenden, gemauerten Kappendecken hergestellt. Die neuen Räume waren hell und großzügig, doch noch immer herrschte die manufakturgemäße Handarbeit vor.

Und erneut setzte sich Johann Salm ein großes Ziel: Der Übergang von der Handarbeit auf die maschinelle Herstellung und die Möglichkeit, das Fertigfabrikat vom Rohstoff bis zum Endprodukt in allen Produktionsstufen selbst herzustellen, wollte er in Angriff nehmen. Er wusste, dass der Erwerb eines neuen Grundstückes außerhalb der Ortslage Hitdorfs erforderlich wurde.

Und vor allem: Die aufwändige Herstellung von sogenannten Sicherheitszündhölzern war in der bisherigen Produktionsstätte nicht möglich. Die Herstellung basierte nicht mehr auf der alleinigen Entzündbarkeit des Zündholzköpfchens. Vielmehr war für deren Herstellung eine separate Masse für den Zündholzkopf und eine weitere Masse für die Reibflächen der Schachtelseiten notwendig. Und das erforderte einige neue Maschinen und viel größere Werkshallen – eine weitere Ausdehnung, die im eingeengten Raum des alten Dorfs nicht gegeben war.

Der Chemiker und Mineraloge Anton Schrötter von Kristelli (1802 – 1875) entdeckte bereits im Jahr 1847 den ungiftigen roten Phosphor. Schrötter wandelte weißen Phosphor durch Erhitzen in roten um, den man zeitweise Schrötter‘schen Phosphor nannte. Sein Verfahren revolutionierte die Streichholzindustrie, wo roter Phosphor schon bald als Bestandteil der Reibflächen genutzt wurde. Bei dem roten Phosphor handelt es sich um eine Modifikation des weißen Phosphors, also um dasselbe chemische Element, nur mit anderen Eigenschaften. Der rote Phosphor ist im Gegensatz zum weißen ungiftig und schwerer entzündlich.

Auch die beiden Schweden, der Chemiker Gustaf Erik Pasch (1788 – 1862) und der Industrielle und Erfinder Johan Edvard Lundström (1815 – 1888) schafften es 1844, den weißen durch roten Phosphor zu ersetzen. Auf dieser Grundlage und durch Verlagerung des Phosphors vom Zündkopf in die Reibefläche entwickelte im Jahr 1848 der Deutsche Rudolf Christian Boettger (1806 – 1881) die Form der Sicherheitszündhölzer, die im Prinzip auch heute noch verwendet wird. Sein Patent beschreibt Streichhölzer mit getrennter Zünd- und Reibmasse. Aufgrund des dringend notwendigen Verbots des weißen Phosphors wurden ab 1906 die ursprünglichen Phosphor-Zündhölzer gänzlich durch diese Sicherheitszündhölzer ersetzt. Boettger verkaufte später sein Patent an die schwedische Zündholzindustrie.

Johan Edvard Lundström griff in den 1860er Jahren auf Böttgers Rezept zurück. Die Sicherheitszündhölzer eigneten sich besonders gut für eine mechanisierte Massenfertigung, die Lundström mit seinem Bruder im schwedischen Jönköping forciert betrieb. In der Folge entwickelte sich eine äußerst leistungsfähige Zündholzindustrie in Schweden, die große Mengen Sicherheitszündhölzer nach Deutschland exportierte. Daher wurde der Begriff Schwedenhölzer zu einem Synonym für Streichhölzer schlechthin.

Johann Salm erwarb derweil in Hitdorf ein Grundstück außerhalb des Dorfbereichs an der Langenfelder Straße. Er verfolgte das Ziel, nun alle Produktionsschritte zu mechanisieren und den zweigliedrigen Produktionsprozess der chemischen Hölzchen und der nun auch sozusagen chemisch gewordenen Schachteln aufzubauen. 1903 wurde der Grundstein der neuen Fabrik gelegt; zwei Jahre dauerte die Fertigstellung. Leider war es dem technisch begabten Johann Salm nicht vergönnt, die Vollendung seiner ehrgeizigen Pläne zu erleben. Ein allzu früher Tod im Jahre 1907 setzte seinem Schaffen ein Ende.

1907 übernahm Fritz Middelanis (1874 – 1955), der Schwiegersohn des Verstorbenen, der als dritter Geschäftsführer seit der Gründung dem Betrieb vorsteht. Er baute die Firma Johann Salm & Co zu einem Musterbetrieb der Zündholzindustrie aus. Viele Spezialmaschinen, die seit Mitte des 19. Jahrhunderts konstruiert wurden, kamen in den neuen Fabrikhallen zum Einsatz. Mit automatischen Hobel- und Abschlagmaschinen, Gleichlegemaschinen, die die Hölzchen ausrichteten, Einlegemaschinen, die sie in die Tunkrahmen legten, und Auslegemaschinen, die die Hölzchen wieder herausnahmen und verpackungsfertig ausrichteten, konnte die Handarbeit ersetzt werden und die Produktion stark rationalisiert werden.

Nach dem Ersten Weltkrieg verfügte die deutsche Zündwarenindustrie über riesige Überkapazitäten – bei voller Auslastung hätte sie mehr als die doppelte in Deutschland verbrauchte Menge herstellen können. Die Überkapazitäten drückten das Preisniveau der Streichhölzer in der Weimarer Zeit bis unter die Hälfte des Vorkriegsniveaus.

In Schweden hatte sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein monopolistischer Zündholztrust herausgebildet, die Svenska Tändstiks A.B. (STAB) unter Führung des später als Zündholzkönig bezeichneten Ivar Kreuger. Im Jahre 1926 beherrschte der Konzern mehr als 70% aller Fabriken in Deutschland. Der seit Jahrzehnten, aus latenten Überkapazitäten resultierende Preiskampf unter den Herstellern eskalierte, als die schwedische Gruppe die verbleibenden Konkurrenten mit Dumping-Preisen aus dem Markt zu drängen versuchte.

Letztlich bot der Kreuger-Konzern im Jahre 1929 dem wirtschaftlich angeschlagenen Deutschen Reich eine Anleihe in Höhe von 125 Millionen Dollar an, die bei sechsprozentiger Verzinsung bis 1980 zurückgezahlt werden sollte. Als Gegenleistung wurde im Januar 1930 mit dem Zündwarenmonopolgesetz ein Verkaufsmonopol geschaffen, das der Kreuger-Gruppe einen Anteil von 65% und den deutschen Herstellern 35% aller verkauften Zündwaren sicherte. Das Zündholzmonopol zementierte so die Marktverhältnisse der ausgehenden 1920er Jahre.

Seit 1930 sind die beiden Hitdorfer Zündholzfabriken Johann Michael Fitzen und Johann Salm & Co wie alle Zündhölzer erzeugenden Betriebe Deutschlands der Deutschen Zündwaren Monopolgesellschaft (1930 – 1983) als Lieferwerke angeschlossen.

Am hundertsten Jahrestag der Firmengründung, am 1. April 1941, erarbeitete der Betrieb mit 75 Mitarbeitern eine Herstellungsleistung von 200.000 Schachteln Sicherheitszündhölzer pro Tag. Anstelle des ehemaligen Handwerkbetriebs ist ein vollmechanisierter und technisch hochentwickelter Fertigungsbetrieb getreten.

1955 starb Fritz Middelanis im Alter von 81 Jahren, ein Mann, der seine ganze Kraft in den Aufbau seines Werks stellte, und darüber hinaus, auch die Zeit fand, sich gemeindepolitische Arbeiten zu widmen. Die im Jahre 1963 in Betrieb genommene Hitdorfer Fähre trägt zum seinem Gedenken den Namen „Fritz Middelanis“.

Sein Sohn, der Ingenieur Johannes Middelanis (1905 – 1986) leitete die Zündholzfabrik nach dem Tod seines Vaters in der vierten Generation. Das Jahr 1970 brachte eine schicksalshafte Wende und für nahezu den gesamten Industriezweig das endgültige Aus: Die bis dahin 21 unter Monopolverwaltung stehenden Betriebe der Zündholzherstellung wurden von der Deutschen Bundesregierung auf sieben Unternehmen reduziert.

Beide Hitdorfer Zündholzfabriken mussten schließen – eine Spätfolge des 1930 vom deutschen Staat eingeführten Zündholzmonopols, das alle deutschen Firmen dieser Branche zwang, ihre Fertigwaren zu festgesetzten Preisen abzugeben. Das bedeutete, dass zwischen 1960 und 1970 eine Schachtel Zündhölzer immer noch fünf Pfennig kostete. Johannes Middelanis betonte, er habe in Verhandlungen mit dem Bundesinnenministerium versucht, den Preis für Zündwaren heraufzusetzen. Das Ministerium habe das abgelehnt. So sei das Ende abzusehen gewesen. 40 Mitarbeiter der Zündholzfabrik Johann Salm & Co und 23 Mitarbeiter der Firma Johann Michael Fitzen waren von der Aufgabe der Produktion betroffen und wurden entlassen.

Somit endete am 15. Dezember 1970 nach fast 130 Jahren die Tradition der Zündholzherstellung in Hitdorf, die am 1. Mai 1841 begann. Am 10. Dezember 1984 wurde die Deutsche Zündwaren-Monopolgesellschaft in Frankfurt am Main aufgelöst. Seitdem werden in Deutschland keine Zündhölzer mehr hergestellt.

Streichholzmuseen gibt es in Europa in Jönköping (Schweden), in Sušice im Böhmerwald (Tschechien), in Grafenwiesen (Deutschland), in Tomar (Portugal) sowie in Bystrzyca Kłodzka und Częstochowa (Polen). Seit 2012 existiert auch in der Schweiz, in Schönenwerd, ein Zündholzmuseum.

… und was geschah mit dem alten Fabrikgebäude der Salm’schen Zündholzfabrik an der ehemaligen Mühlenstraße nach der Verlegung der Zündholzproduktion im Jahr 1905 an den Ortsrand Hitdorfs? Das alte Fabrikgebäude verfiel für mehr als 10 Jahre in einen Dornröschenschlaf. Johann Salms Witwe, Elisabeth Salm (1861 – 1931) betrieb die im Wohnhaus befindliche Gastwirtschaft zur Post weiter. Die Fabrik stand leer.

In den Wirren des Ersten Weltkriegs machte im nahe gelegenen Langenfelder Kriegslazarett der Gefreite Julius Busch (1888 – 1965) die Bekanntschaft mit Wilhelmine Salm (1893 – 1958), die jüngste Tochter des Fabrikanten Johann Salm und seiner Frau Elisabeth. Im Jahre 1917 kam es zur Eheschließung, und Julius Busch, Weinbrenner aus Hamburg, machte sich in den Räumen der ehemaligen Zündholzfabrik mit einer Essigdestillations-Produktion selbstständig. Nun wurden in den Fabrikhallen offene Gärbottiche und übermannshohe 1000 Liter fassende Holzfässer zur Essigherstellung aus Trinkbranntwein aufgestellt.

Für alte Hitdorfer Einwohner firmierte die Fabrik lange Jahre als Essigfabrik. Die Firma geriet gegen Ende der 1920er Jahre in den Sog des wirtschaftlichen Niedergangs und musste nach dem Schwarzen Freitag (25.Oktober 1929) geschlossen werden.

Viele Jahre lang standen die Fabrikräume wieder leer, wurden einige Jahre als Schulungsräume der Hitlerjugend (HJ) im Erdgeschoss und des Bunds Deutscher Mädel (BDM) im Dachgeschoss genutzt und fanden seit den 1950er Jahren wieder als Lagerräume eine Verwendung.

Seit 1996 werden die Räume für die Kindertagesstätte Die Rheinpiraten, seit 2000 für ein kleines Theater, das matchboxtheater, und seit 2011 für die Villa Zündfunke, Jugend-Kultur-Werkstatt, Bürger-Treff und Generationen-Haus, genutzt.

Da die Nachfahren der Familien Salm, Middelanis und Busch viele Dokumente zur Firmen- und zur Familiengeschichte sammelten und aufbewahrten, könnte in Zusammenarbeit mit dem Hitdorfer Heimatmuseum, dem Bergischen Geschichtsverein und den Archiven der Städte Leverkusen und Monheim zukünftig eine Ausstellung im Stammhaus Bernhard Salms zur Zündholzherstellung und verwandten Themen eingerichtet werden.

 

Quellen:

Alle Zitate aus: Hinrichs, Fritz: Hitdorf – Chronik eines bergischen Hafens. Opladen, 1957

Sinngemäß wurde übernommen aus: Gnegel, Frank: Feuerzeugs – Schwefelhölzer – Zündmaschinen. Begleitbuch zur gleichnamigen Wanderausstellung des Westfälischen Museumsamtes] / Landschaftsverband Westfalen-Lippe. Münster, 1994